
Zukunft ohne Ausreden?
5. Mai 2024
Nanotechnologie
4. September 2024„Die Frage wie wir klimagerecht bauen können und was es braucht um wirklich nachhaltig zu sein, zwingt uns die gut eingeübten Praktiken der Planungs- und Bauindustrie und im Förderwesen zu hinterfragen.“
Birgit Kornmüller
Architektin
www.bogenfeld.at
Klimagerechtes Bauen?
Das gelingt nur bei radikalem Umdenken!
Egal ob es das sanierte Mehrparteienhaus in Wien, das Einfamilienhaus mitten im Dorf in Absdorf, oder der neue, sehr dichte Stadtteil in Innsbruck ist, unser Büro hat viele ökologisch ambitionierte Projekte realisieren können. Energieautark, mit hochwertigen und nachhaltigen Materialien, gut gestaltete öffentliche Sockelzonen oder eine Energieversorgung mit Grundwasser. Der Einsatz war immer hoch, die Bauherrenschaft sehr ambitioniert.
All diese Projekte hatten den Anspruch es richtig, oder sagen wir richtiger zu machen. Und einige davon wurden auch ausgezeichnet, sei es mit dem Staatspreis für Architektur und Nachhaltigkeit, vorbildliches Bauen, dem Holzbaupreis oder „Klimaaktiv Gold“.
Das ist natürlich eine schöne Anerkennung, doch welchen Beitrag diese Projekte tatsächlich für unsere Zukunft und den Klimaschutz leisten - ich kann es Ihnen nicht genau sagen. Diese Projekte hinterlassen bei mir ein gutes Gefühl, aber so wirklich bewerten kann ich sie nicht. Nicht im Großen und Ganzen. Und das ist der Punkt. Wenn wir über nachhaltiges Bauen sprechen, fehlt mir persönlich die Messbarkeit und die Möglichkeit diese Projekte in ihrem ökologischen Impact einzuordnen. Die Projekte leisten einen Beitrag, das liegt auf der Hand, doch in welcher Größenordnung? Ist bei den Familien, sobald sie einmal in den Urlaub fliegen, die ganze Anstrengung umsonst gewesen? Ist beim neuen Stadtteil in Innsbruck so viel Stahlbeton, mit hoher Dichte und kurzen Wegen überhaupt aufzuwiegen? Oder macht die Tiefgarage als Verkehrserreger sowieso immer alles zunichte?
Wir sind engagiert und haben Know How, doch das ist zu wenig. In Wahrheit arbeiten wir nach Gefühl und kennen nur die groben Zahlen. Wir wissen, dass der Bausektor für 30 % der Emissionen verantwortlich ist. Allein auf die Zementindustrie gehen 8% zurück. Bauen verbraucht rund 60 Prozent der weltweiten Ressourcen und beansprucht etwa 50 Prozent des Müllaufkommens für sich.
Eine gesamtheitliche Messbarkeit würde es ermöglichen einzelne Projekte in die großen Klimaziele, zum Beispiel der Klimaneutralität, einzuordnen.
Ohne Messungen bleiben wir auf der unverbindlichen Meta-Ebene, den Ankündigungen und den großen Versprechungen. Wenn ich mich anstrenge, um CO2 zu sparen, muss ich valide Daten und Informationen haben, wie relevant meine Einsparung ist.
Genau das motiviert mich und es ist entscheidend, wenn ich es ernst nehme. Dazu ein Beispiel: Wenn sie in der Linzer Innenstadt ein Haus abbrechen wollen, um neu zu bauen, dann wird dieser Antrag in Bezug auf das Stadtbild und die Wirtschaftlichkeit geprüft. Das geht aktuell so gut wie immer gegen eine Sanierung aus. Wenn in dieser Beurteilung nun auch die CO2-Bilanz in Hinblick auf die im öffentlichen Interesse wichtige Klimaneutralität ins Spiel käme, würde die Sache schon anders aussehen.
Unser Handeln muss viel konsequenter werden. Alle Faktoren müssen ehrlich und volkwirtschaftlich bewertet und klimatische Ziele in die Praxis des Bauens einkalkuliert werden. Dafür müssen wir wissen, wo unsere echten Hebel liegen.
Ich sehe diese Hebel beim Materialeinsatz, also der Art und der Menge der eingesetzten Materialien, der Lage, der Dichte, in der Mobilitätsform, die jedes Projekt mit sich bringt, in der Struktur und Robustheit unserer Bauwerke und in der Vielfalt der Wohnformen. Wenn wir alle diese Hebel in Bewegung setzen, dann können wir wirksam sein.
Dazu ein paar Gedanken:
So gilt für den Materialeinsatz grundsätzlich immer, Sanieren geht vor neu bauen und wenn schon Neubau, dann möglichst ressourcenschonend. Aber nicht nur beim Material ist auf Ressourcenschonung zu achten, sondern auch beim Boden, denn dieser ist nicht unendlich verfügbar.
Ich spreche immer von einer „guten Dichte“ wenn nicht im Sinne einer gewinnorientierten Maximierung privater Interessen, sondern im Sinne von
Bodenverbrauch sozial gut verträglich gebaut wird.
Es spielt eine wesentliche Rolle, wo wir bauen und wie wir die Mobilität denken. Ein Einfamilienhaus, selbst aus den ökologischsten Materialien, ist nicht mehr vertretbar, wenn ich die täglichen Wege nur mit dem Auto zurücklegen kann. Das ist ökologisch und volkswirtschaftlich kontraproduktiv und zu teuer.
Wesentlich erscheint mir auch, wie
robust wir unsere Häuser planen und bauen. Wir alle wissen um die Robustheit von einem Jahrhundert-alten Gründerzeithaus. Wohnung, Büro oder Praxis - diese Häuser sind im Stande, über die Jahrzehnte verschiedene
Nutzungen aufzunehmen.
Auch die Qualität unserer Materialien müssen wir überdenken. Gute, „echte“ Materialien sind wichtig für ein langlebiges Haus. Und wie viel Technik braucht es denn überhaupt? Ich bin der Überzeugung, dass wir zu viel Technik verbauen und diese wieder drastisch reduzieren sollten.
Im Wohnbau, der das bei weitem größte Volumen im Baugeschehen hat, ist die Vielfalt der Wohnformen, wie Baugruppen, Wohnen im Alter, Familienwohnungen, Kleinstwohnungen usw. essentiell. Denn diese Vielfalt brauchen wir, um sozial und kulturell nachhaltig zu sein und um damit eine lange Nutzungsdauer des Gebauten sicher zu stellen. Leider stecken wir da ganz besonders im Wohnbau fest und kommen nicht weiter.
Letztendlich müssen wir gleichzeitig und konzertiert an vielen Schrauben drehen, um eine relevante Wirksamkeit zu erfüllen und es müssen neue Methoden der Zusammenarbeit zwischen Forschung, Praxis, Öffentlicher Hand, Auftraggeber:innen und Planer:innen entwickelt werden. Denn die Frage des Klimas ist eine Querschnittsaufgabe. Alleine bzw nur technisch ist sie nicht zu lösen.
Die Frage, wie wir klimagerecht bauen können und was es braucht, um wirklich nachhaltig zu sein, zwingt uns die gut eingeübten Praktiken der Planungs- und Bauindustrie und im Förderwesen zu hinterfragen. Nur wenn wir diese Frage ernst nehmen und radikal umdenken, kann das gelingen.
